Ein halbes Jahrhundert Ludwigstraße

Vom 8. bis 10. Juni 1956 feierte die Schule Ludwigstraße ihr 50jähriges Bestehen. Über die Geschichte der Schule sprach in der Feierstunde der damalige Schulleiter Helmuth Hildebrandt. Diese Rede geben wir im Folgenden gekürzt wieder:

 

Am 8. Juni 1906 weihte der Schulinspektor Japp das Doppelschulhaus Ludwigstraße 7 und 9 ein. Die Mädchen, unter der Führung des Rektors Egge, die Knaben, unter Leitung des Rektors Ernst Gottsch, bezogen ihr neues Schulhaus. Beide Schulen bestanden aber bereits seit Herbst 1903, die Mädchenschule in der Marktstraße 24 (heute Mütterberatungsstelle und Sitz der Fürsorgerinnen), die Knabenschule als “Volksschule vor dem Holstentor” in dem Fachwerkhause neben der Gnadenkirche (heute Sitz einer Dienststelle des Arbeitsamtes).
Damals herrschte im Stadtteil Nord-St.-Pauli Schulraumnot, der sofort abgeholfen werden musste, auch wenn Verhandlungen über den Ankauf eines geeigneten Geländes und Baupläne noch nicht abgeschlossen waren.

Die umliegenden St.-Pauli- und Innenstadtschulen mussten Klassen abgeben. So zogen neun Knabenklassen aus neun verschiedenen Schulen, darunter eine Klasse aus der Schule Jägerstraße mit ihrem Klassenlehrer Richard Ballerstaedt, eine Klasse aus der alten Schule Laeiszstraße, an der ein Alfred Lichtwark als Junglehrer gewirkt hatte, mit ihrem Klassenlehrer Gerd Niebank in das Fachwerkhaus “vor dem Holstentor”, die entsprechenden Mädchenklassen in das Haus Marktstraße 24.
Beide Schulen waren übel dran: sehr beengte Verhältnisse, ganz kleine Schulhöfe, primitive Abortanlagen in den Kellern, geringe Lehrmittel, die meisten mussten benachbarten Schulen entliehen werden.

Die Konferenzprotokolle beider Schulen können viel darüber erzählen. So besaß das Lehrerzimmer im Fachwerkhaus “vor dem Holstentor” nur zwei Stühle, bei Stundenschluss daher ein großes Wettlaufen der Lehrkräfte nach dem Lehrerzimmer. Die Eingaben beider Lehrkörper, Abhilfe zu schaffen, erhielten meistens die Antwort: “Sie sind dort doch nur provisorisch untergebracht. Ihre Schulen werden bald fertig sein.” Das dauerte immerhin bis zum 8. Juni 1906. Was war inzwischen geschehen?

Hier beginnt nun ein Kapitel in der Geschichte beider Schulen, das kaum seinesgleichen hat. In seinem Buch “Von Tieren und Menschen” schreibt Carl Hagenbeck, wie bei der wachsenden Ausdehnung seines Tierhandels die Räume am Spielbudenplatz längst viel zu eng geworden waren und wie es ihm nach langem Suchen glückte, im Frühling 1874 am Neuen Pferdemarkt ein geeignetes Grundstück mit Wohnhaus und dahinter liegenden 76 000 Quadratfuß großem Garten aufzufinden und zu erwerben.

Auf diesem Grundstück, das sich zwischen der Ludwigstraße und der Augustenpassage bis zur Sternstraße erstreckte – eben unser heutiges Schulgrundstück -, entstand Hagenbecks erster kleiner Tierpark, in den Augen der damaligen Jugend Nord-St.-Paulis sogar ein Tierparadies. Wenn ein Besucher in dieses “Tierparadies” wollte, klingelte er an dem nüchternen Wohnhaus, jetzt die Vereinsbank (und inzwischen eine Apotheke, Anm. d. Webmasters), Neuer Pferdemarkt Nr. 131. Hagenbecks Köksch öffnete, kassierte fünf Groschen Entrée und ließ den Gast durch die Drehtür treten. Kinder, die kein Geld hatten, guckten durch die Astlöcher der Planke an der Augustenpassage und waren glücklich, wenn sie das Hinterteil eines Zebras oder eine Eisbärenkiste sahen.

Ganz aufregende Tage für die damalige Jugend unseres Stadtteils brachten die am Güterbahnhof Sternschanze ankommenden Tiertransporte. An der Viehrampe wurde ausgeladen, und dann trotteten Elefanten, Giraffen, Antilopen, Zebras die Sternschanze entlang. Wie wurden die Anwohner der Sternstraße, der Augustenpassage beneidet, die alles, was in den Tierpark kam, sehen und sogar in ihn hineinsehen konnten!

Die Kisten mit Panthern und Hyänen, die Käfige mit Löwen und Tigern, die Gehege! 1904, dreißig Jahre nach dem Erwerb dieses Grundstücks, war Carl Hagenbeck der Platz wiederum zu eng geworden, der Hamburger Staat hörte von seinen neuen Plänen in Stellingen, kaufte von ihm dieses Grundstück, um hier ein Doppel-Volksschulhaus errichten zu lassen. Und so entstand unsere Schule auf dem alten Hagenbeckschen Tierparkgelände.
Das Jahr 1906 war auch sonst für unsere Vaterstadt reich an Ereignissen. Vier Wochen vor unserer Schuleinweihung wurde das Bismarckdenkmal enthüllt, vier Wochen nach unserer Schuleinweihung ging die Michaeliskirche in Flammen auf; Klassen der Ludwigstr. 7 – 9 standen mit ihren Lehrern auf dem Dachboden und beobachteten, wie am 3. Juli 1906, 3:10 Uhr nachm., der Turm zusammenstürzte. Ende des Jahres wurde der Hauptbahnhof eingeweiht, die Bürgerschaft gab sich ein neues Wahlrecht.
Wie sah es 1906 in unserem Schulbezirk aus? Nicht viel anders als heute.

Im großen und ganzen hat sich seitdem baulich wenig geändert. Zentralviehhof und Zentralschlachthof im Osten, das Eisenbahngelände im Norden, die ehemalige preußische (Altonaer) Grenze am Schulterblatt im Westen, der Neue Pferdemarkt und das Heiligengeistfeld im Süden waren damals und sind auch heute noch die Grenzen unseres Schulbezirks und haben bis zum zweiten Weltkrieg nur geringe Veränderungen erfahren.

1906 stand noch nicht der Wasserturm, der erst 1907/09 erbaut wurde, ebenso fehlte noch die Gnadenkirche (1906/07 erbaut), es stand aber noch die Heiligengeistfeld-Windmühle (bis 1939), es stand und steht noch heute das Zirkus-Busch-Gebäude (später Schilleroper) hinterdem Neuen Pferdemarkt. Der Neue Pferdemarkt, früher Mittelpunkt des Pferdehandels von Hamburg, ringsherum von Stallungen umgeben und wirklich Vorführplatz für Pferde, hat als solcher seine Bedeutung verloren. Die Klavierfabrik von Steinway und Sons, unserer Schule gegenüber gelegen, welche die Ludwigstraße und besonders unsere Schule so sehr verdunkelte, wurde in einer Bombennacht zertrümmert.
Was ist über die bauliche Entwicklung unseres Schulgebäudes und des ganzen Grundstücks zu melden? Im Mai 1912 einigten beide Schulen sich über die Anlage eines Schulgartens, welcher der Schule Ludwigstraße 9 überlassen wurde. Etliche Kollegen haben Nachmittag für Nachmittag aus 3 m Tiefe Fundamente der Hagenbeckschen Käfige herausgeholt und gegraben, Mutterboden herbeigeschafft und einen Schulgarten hergerichtet, der auch heute noch eifrig benutzt wird. Vorstöße beider Kollegien, den Schulhof um das im Süden an der Augustenpassage gelegene Holzlager zu vergrößern, führten erst Februar 1954 zum Ziel. August 1955 kam noch das östlich angrenzende, 475 qm große, Trümmergrundstück dazu, heute als Rasenplatz mit angrenzender Pflanzfläche hergerichtet. (Heute steht hier das Kindertagesheim Auguste, Anm. d. Webmasters). Anfang der 20er Jahre wurde der Dachboden der Schule Ludwigstraße 9 zu Physik- und Werkräumen aus- bzw. umgebaut. 1952 erfolgte Umbau und Modernisierung der Kochküche.
Während des letzten Krieges wurde die Schule Ludwigstraße 7 beschlagnahmt als Wohnheim für die Belegschaft der Werft Blohm & Voss.

Die Schule Ludwigstraße 9 wurde beschlagnahmt als Obdachlosenasyl und für zwei Wirtschaftsämter. Nach dem Kriege blieb diese Fremdbenutzung noch bestehen; Schule Ludwigstraße 7 musste in der Schule Kampstraße 60, Schule Ludwigstraße 9 in der Schule Laeiszstraße 12 Quartier beziehen. Beide Schulen mussten sich buchstäblich Raum für Raum wiedererobern.

Schulbehörde und Besatzungsmacht mussten häufig helfen, die Schulräume wieder schuleigenen Zwecken zuzuführen. Die Fremdbenutzung dauerte an beiden Schulen bis 1950.
Nun zum inneren Ausbau beider Schulen. 1908 kam der in der Hamburger Lehrerschaft sehr bekannte Kollege Emil Weber, der auch literarisch tätig war, als Lehrer an die Schule Ludwigstraße 7. In seinen Aufzeichnungen […] schrieb er über unsere Schulen folgendes:
“Es war an diesen Schulen nichts Seltenes, dass noch nach dem Unterricht […] auf dem Schulhof gespielt wurde, sowohl Lehrer und Lehrerinnen miteinander (Faustball), als auch diese oder jene Klasse mit ihrem Lehrer (Tamburin, Faust-, Schlagball). Dazu war der große Schulhof, der nicht zwischen Knaben- und Mädchenschule geteilt, durch keine hässliche Planke entstellt war, recht geeignet. In seiner Mitte stand eine stattliche, an heißen Tagen Schatten spendende Ulme, die Rektor Egge vor 2 Jahren, als der Schulhof angelegt wurde, noch eben rechtzeitig vor dem Umgehauenwerden gerettet hatte. Knaben und Mädchen, z.T. Bruder und Schwester, spielten hier in den Pausen durcheinander – schon das zeigt den freieren Geist, der in diesen Schulen herrschte.” […]

a, beide Kollegien erkannten von jeher die Bedeutung der Leibesübungen und pflegten sie besonders. […] Hauswirtschafts-, Nadelarbeit-, Handfertigkeits-, physikalischer Arbeitsunterricht wurden besonders betrieben, Werken und physikalischer Arbeitsunterricht besonders nach dem ersten Weltkrieg.

Ein anderes, in den Konferenzen beider Kollegien immer wieder auftauchendes Thema war die Koedukation (d. h. die Gemeinschaftserziehung von Jungen und Mädchen).

Ein Vorstoß des Kollegiums Ludwigstraße 7, an dem sogar der damalige Landesschulrat Prof. Dr. Umlauf persönlich beteiligt war, scheiterte 1920, etliche Jahre später führte für einige Jahre Schulrat Ballerstaedt aus schulorganisatorischen Gründen die Koedukation in der Schule Ludwigstraße 7 ein, 1933 wurde sie wieder aufgehoben und dann ab Ostern 1951 mit Unterstützung unseres damaligen Schulrates Werdier in beiden Schulen, bei den ersten Klassen beginnend, durchgeführt.
In beiden Schulen ist die musische Erziehung, insbesondere das Laienspiel, seitdem unsere Eltern uns 1948 die Schulbühne bauten, aber auch Musik und Zeichnen, besonders betont und gepflegt worden. […] Klassenreisen, Wandern, für Ludwigstraße 9 seit 1950 auch Zeltlager, waren für beide Schulen und sind es noch heute notwendige Bestandteile einer Gemeinschaftserziehung. Jahrelang zogen viele Klassen, manchmal sogar die ganze Schule Ludwigstraße 9, im Sommer nach dem Köhlbrand, besonders auf die Initiative des Kollegen Heinrich Peeck hin, des damaligen Verwalters vom Köhlbrand. Im Herbst 1921 wurde für Ludwigstraße 9 ein Schullandverein gegründet, an der Tarpenbek ein 3500 qm großes Stück Land zum Graben und Bestellen gepachtet; aber ein Jahr später musste wegen der Inflation, des zu hohen Fahrgeldes dieses Projekt wieder aufgegeben werden. Ein Jahrzehnt vor der Einführung der Selbstverwaltung der Schulen beschäftigte man sich in beiden Schulen bereits mit dem Thema “Zusammenarbeit mit dem Elternhaus”. Im Januar 1911 fand in der Schule Ludwigstr. 9 der erste Elternabend statt. Referent war Herr Niebank.. Das Thema hieß: “Was will die Schule Ersprießliches für ihre Arbeit durch den Elternabend erreichen?” Februar 1913 wurde eine Schulelterngemeinschaft gegründet, also vor 43 Jahren schon Vorläufer der Schulvereine, die an beiden Schulen nun seit vielen Jahren bestehen. […]